4 blödsinnige Dinge im Schlagzeugmarkt, oder 5

Die NAMM ist die wichtigste Musikbranchenmesse der Welt.
Sowas wie der Genfer Autosalon. Die Branche klopft sich selbst auf die Schultern, präsentiert die neusten Produkte und brabbelt Bullshit, den Heerscharen von Musikanten glauben und neues Zeug kaufen. Das pendant in Frankfurt ist die Musikmesse. Beide sind vorbei, zum Glück.

Gerne eine Liste der übelsten Trends mit Entlarvung und total guter Prophezeihung.

Nr. 4 – Das Hattenwirdasnichtschonmal?

Pearl bringt Holz/Fiberglas, TAMA macht ein Superstar Classic, Gretsch hat die Broadcasterlinie.
Gemeinsamkeit: Das haben die alle schonmal gemacht.

Ãœbersetzt: Ich hab dermassen kein Geld mehr für Forschung und Entwicklung, dass ich mir einfach die alten Pläne aus dem Schrank hole, das Zeug billiger produziere und ein bisschen unter dem Preis aller Onlineauktionen der Originale verkaufe.

Wie gehts weiter?

Genau so. Orakelmüller sagt: In nächster Zeit werden die meisten Schlagzeuge nach Vorgaben der 70er gemacht. Da hinein gehörten die Superstars und Wood Fiber Pearl Sets.

In 3-4 Jahren kommen dann die 80er dran, mit Xtra Kesseln, also alles tiefer als der Durchmesser.

Aber dazwischen kommen, Gott behüte:

Nr. 3 – Concert Toms

Heiligesiech nach knapp 40 Jahren richtiger Tomtoms sind die Drumhersteller so verzweifelt, dass Sie die Concert Toms wieder bringen.
Concert Toms sind Toms ohne Resonanzfell. Tiefe 70er Jahre, tönt wie nasser Sack, alternativ wie eine Timbale. Aktuell stellen sicher Pearl und Ludwig die Dinger wieder auf.

Ãœbersetzt: Cool, ich kann mir pro Kessel einmal Reifen, Schrauben, Spannböckchen und Fell sparen. Und viel Arbeit. Der bekannteste Endorser muss es spielen und zack – verdien ich mehr.

Wie gehts weiter?

Das Orakelmüller sagt: Es wird wieder ganze Kits mit Concerttoms geben, wie in den 70ern, inklusive Bassdrums. Danach kommts noch bizarrer und jedes Set hat noch ein paar Bongos dabei, wie es bis in die 60er Mode war.

Nebenbei: Ich hab ein 8teiliges Set aus Concertkesseln aus den 70ern und habs schon immer cool gefunden, reg mich nur auf, dass damit die Branche erneut zeigt, dass keine echten Innovationen machen will.

Nr. 2 – Der unbekanntes Holz klingt soundso Trick

Kein neuer Trend, deshalb umso schlimmer: Man nehme irgend eine exotische unbekannte Holzart und verkauft das als anderen Klang.

Ãœbersetzt: Weil TAMA fast der gesamte Bubingabestand für Trommeln gehört, suchen wir auch irgendein Furnier, das wir irgendwo in die Kessel leimen wo nicht auffällt, dass es drittklassig ist und sagen, deshalb klingt etwas so und so. Kapur beim Pearl Holz- / Fiberglas Teil.

Bullshit. Es ist das Fell, der Raum und die Stimmung, die den Klang macht. Solange die Kessel noch mehrschichtig sind, besteht so ein Kübel nämlich zu einem gewaltigen Teil aus… na? … Leim!

Schön bewiesen übrigens durch RotodruM – die machen Sets mit geteilten Kesseln, deren Tiefe man variieren kann – tönt tiptop, auch mit Luft dazwischen…

Nr. 1 – Die neue Rückwärts überworfene Baseball Vintage Round 60 / 30 – Gratung

Baaaah, Kesselgratungen. Der überbewertetste Teil jedes Kessels. Weil: früher hatten Sie gar keine oder unnütze. Mein Deri Set aus den 50ern hat tatschflache Kesselränder und tönt tiptop. Der Herr Dunnett baut Metallsnares ohne nix, keine Lippe, einfach sauber abgesägtes Metallrohr – und macht edel klingenden Shit.

Früher machten die einfach, was grad mit den Maschinen möglich war, und schnell zu verarbeiten war. Und Sie hatten Kalbfelle – das gibt ganz andere Anforderungen an die Kessel. Heute versuchen die Hersteller natürlich auf irgend eine Art zu verwischen, dass alle Kessel aller Marken aus ca. 4 grossen Firmen weltweit kommen (Hochpreisdrums vorbehalten).
Viel wichtiger ist, dass der Krüppelkessel rund ist. Mit kleinsten Toleranzen. Und das der Kübel plan und sauber verschliffen ist. Und dass er unterschnitten ist – also leicht unter dem Felldurchmesser. 0.125″ meistens. Die Gratung ist dann sowas wie die Balsamico Dekoration auf dem Teller.

Wenn man nicht stimmen kann, macht der Grat gar nichts aus.

Nr 0 – Vintage

Die Vintage Welle ist nach Gitarren und Bässen auch bei Drums angekommen. Dazu müsste man einen eigenen Artikel schreiben. Eigentlich heisst Vintage Weinlese. Eines bestimmten Jahrganges. Die Weinfritzen sind aber ehrlich und sagen auch, welche Jahrgänge scheisse sind und welche gut. Bei Drums ist alles alte Zeug gut. Und das stimmt schlicht nicht. Seit Ringo Starr ein Ludwig Set benutzt hat, waren die Jungs dermassen überlastet, dass die in Windeseile ihre Sets zusammennageln mussten und die Qualität war oft unter aller Sau. Gilt auch für Slingerland und Gretsch. Altes Zeug der grossen Hersteller ist oft schlechter gebaut, als heute. Kleine Marken (alte Giannini, Meazzi, ASBA) ausgenommen. 1989 war das TAMA Imperialstar aus gepresstem Sägemehl und alles fiel vom Kessel, wenn Kinderhände ein bisschen reigehaut haben. Heute ist das TAMA Imperialstar ein tip toppes Pappelset, ich hab im Musikladen Sets davon, die schon seit 5 Jahren vermietet sind, und genau gar nix ist kaputt gegangen.

Da die Auktionen für alte Ludwigs, Gretschs, Leeddies, Slingerlands dermassen hochpreisig geworden sind, legen die Hersteller folgerichtig das alte Zeug als neu auf und nennen es Vintage. Also: auf alt gemacht. Nur, um sich eine Scheibe abzuschneiden und weil es wenig kostet, weil man nur die alten Pläne holen muss und alles in China fertigen lassen. Die Preise kann man 50% – 100% höher ansetzen, als bei einem neuen Produkt, dass es so noch nicht gegeben hat.

Die Frechheit: Sie lügen den Kunden schlicht an. Gretsch verkauft ihre USA Custom 6-ply Kessel als den richtigen alten Gretsch Sound, geprägt hat den Gretsch Sound der 50er aber der 3-lagige Kessel mit Ahorn und Pappel drin. Pappel ist billig, übrigens und wurde deshalb früher verwendet. TAMA hat die Frechheit, in Amerika ein Superstar Classic aus Ahornkesseln aufzulegen, als Reminiszenz auf die legendären Superstars der 70er. Nur waren die alten Superstars aus Birke…

Wie geht’s weiter?

Es ist 60er Jahre Zeit – die alten Kesselmasse, und peinliches Zeug, wie auf alt gemachte Hardware (Rail Consolettes…), die schon damals total unbrauchbar waren. Spannböckchen, die schön ausreissen werden, wenn man vergisst, dass früher v.a. die Snares viel weniger gespannt wurden. Das Zeug sieht nicht nur alt aus, es ist auch oft ein Rückschritt. Etwa so cool, wie in der Küche wieder einen Holzherd zu installieren…

 Was ich gerne hätte?

Nach der Motzerei gerne eine Liste, der Dinge, die ich im 21. Jahrhundert von einem Set erwarte. Lieber Drumhersteller, gerne nehme ich grosszügige 6-stellige Summen zum Dank.

  • Wenn schon Vintage, dann das Gute davon: Koffersets, wo man alles ineinander verstauen kann. Zum Glück gibt’s JT Whitney
  • Endlich mit den saudummen Spannschrauben und Spannböckchen aufhören – und endlich eines der zahlreichen Schnellspannsysteme  der letzten 60 Jahre marktreif machen. Die Branche lebt davon, dass die meisten Drummer nicht stimmen können, weil es zu kompliziert ist. Dabei würden alle Trommeln besser klingen, wenn das einfacher ginge.
  • Handwerk und Ehrlichkeit – Eigene Kessel, eigene Beschläge, dort gemacht, wo die Firma herkommt. Ja, das machen viele noch, aber total künstlich überteuert. Sonor SQ2 zum Beispiel. Namentlich hat TAMA in Japan früher billigste Drums produziert. Heute haben Sie alles in China und erzeugen die künstliche Marke Star Drums, um am selben Ort, aus dem vor 40 Jahren Ramsch kam, höchstpreisige Ware zu machen. Sie hätten besser die Starclassic Linie dort behalten. Umgekehrt hat Yamaha sich das eigene Herz herausgerissen und ihre Urfabrik abgestossen – mit dem Know-how. Da kamen immerhin die Recording Custom Sets heraus – das vermutlich meistaufgenommene Set aller Zeiten. Zum Glück haben das ein paar nicht toleriert und am alten Ort Sakae Drums eröffnet – wer echte Yamaha Sets will, kauft Sakae.
  • Variabilität: Wieso krieg ich kein Set ab Stange, das sich auch für Kinder einstellen lässt? Vor allem die Snareständer, die sind alle für Kinder 10cm zu hoch. Kein Markt? Mit Verlaub, hier in der Schweiz spielen die Kinder 3-4 Jahre früher Schlagzeug, als früher, als man erst mal 3 Jahre trommeln musste.
  • Der Mut, teurer zu werden. Schlagzeuge sind viel zu billig. Wie Flugreisen. Deshalb kaufen alle einander, und viele werden untergehen. Als nächstes Pearl. Sonor und Mapex gehören schon dem selben Konzern. Ehemalige Riesen und Rivalen, wie Latin Percussion und Toca Percussion gehören heute beide DW. Konzentration bremst Innovation.
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